Erziehen ist gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Man muss es nur bleiben lassen.

Sonntag, 17. November 2013

N wie Nahrung


N wie Nahrung
 

In einer Hinsicht sind sich die meisten Eltern einig: Wir wollen nur das beste Essen für unser Kind. 
Was genau dieses beste Essen nun aber ist, darüber gehen die Meinungen, nun ja,... etwas auseinander.
Brei (selbstgeschrotetes Vollkorn, ungespritzte Äpfel aus dem eigenen Garten, selbstverständlich NIEMALS Zucker *aarrrgghh-der Teufel!*, mit Liebe am Abend vorher angesetzt und langsam zwölf Stunden erwärmt *odersoähnlich*), oder Brei (Milchbreipulver von Alete. Packung auf, Pulver abmessen, Wasser dazu, verrühren, fertig)?
Gemüse (biologisch-dynamisch angebaute Möhren (kann mir mal einer erklären, was dynamisch in dem Zusammenhang eigentlich heisst? Läuft das Gemüse dynamisch im Garten rum?) oder Pastinake aus dem Bioladen, ein Löffelchen kaltgepresstes Rapsöl) oder Gemüse (Deckel vom Glas, Mikrowelle, eine halbe Minute volle Pulle, umrühren, fertig)?
Milch (Tankstelle de Maman, die seit Monaten auf Zwiebeln, Knoblauch, sämtliche blähenden Kohlgemüse verzichtet, niemals Alkohol trinkt *um Gotteswillen!!* und sich nur noch mit geruchlosem Duschgel wäscht, weil die Hebamme ihr verraten hat, dass sie sonst eine Stillirritation riskiert, weil das Kind nicht mehr weiß obs seinen Saugrüssel jetzt an Mama oder die Tante aus der Fa-Werbung hängt- ganz böse!) oder Milch (Prebiotische Anfangsmilch von Milupa, extra Saugfläschchen zur Reduktion von Blähungen, die ständige Auskocherei und bloß kein Stromausfall wenns Kind grad Hunger hat *kreisch!* wer hat schon immer einen Campingkocher und Esbit zur Hand?)?
Hast du dich oben wiedererkannt? Bei Brei oder Brei? Gemüse oder Gemüse? Milch oder Milch?
Gut. Setzen, eins mit Sternchen.
Ich verrat dir was: Es ist völlig wurscht, ob du dein Kind mit selbstgekochtem Gemüse aus dem eigenen Garten fütterst oder ob du ein Babygläschen aufmachst. Ob du stillst oder die Flasche gibst. Das hat was mit deinen persönlichen Ansichten und deiner eigenen Sozialisation zu tun und letzten Endes sind es nur Feinheiten, die aber leider häufig genug für irgendwelche Superschlauen ein Grund sind, sich gegenseitig die Ideologien um die Ohren zu hauen bis es blutet.
Nein, die gekaufte Nahrung ist nicht per se des Teufels. Und nein, du bist nicht automatisch heiliggesprochen, nur weil du dir deinen Herzbändel abrennst, damit das Kind nur ja immer gesunde Vollwertkost bekommt um gesund aufzuwachsen.

Nach dem ganzen Zinnober, das du im Babyalter mit der Ernährung getrieben hast, kommt dann unter Umständen früher oder später DER Alptraum, besonders für die engagierten, allesrichtigmachenwollenden Mamis (so wie mich *hust*): das mäkelige Kind. 
(Alle Streber, deren Kinder einfach alles essen, was man ihnen hinstellt: bitte weitergehen, hier gibt es nix zu lesen für euch.)
Ich habe es hinter mir (oder stecke noch mittendrin, der eine sagt so, der andere so.), ich weiß wovon ich rede. Es macht nicht wirklich Spaß, wenn man sein Kind zu überreden versucht, doch das leckere Möhren-Kohlrabi-Gemüse zu probieren (dann kriegst du auch noch ein Würstchen *flöt*) und das Kind dann, weil es letzten Endes doch ein sehr liebes und folgsames Kind ist (und noch ein Würstchen will...), brav einen Löffel Gemüse in den Mund steckt, um dann einige Sekunden darauf herumzukauen, tapfer herunterzuschlucken und, schlagartig bleich werdend, das Gemüse wieder auf den Teller zu kotzen- nicht ohne alles vorher gegessene (ein paar Kartöffelchen, drei kleine Würstchen plus ein Glas Apfelschorle) wieder mit zurückzubringen.
Mahlzeit.
Das war der Tag an dem wir beschlossen: Am Arsch die Waldfee mit den ganzen Ernährungsratschlägen. Unser Sohn will kein Gemüse? Keinen Reis? Kein Dies, kein Das, kein Jenes? Egal. Er ißt mit Begeisterung Vollkornbrot, je mehr Körner, desto lieber, und als Belag Butter, Salami und Gouda. Joghurt und Milch, Griesbrei und ab und zu mal eine Banane, Kartoffelsuppe, Pfannkuchen, Pizza, Flammkuchen, na also.
Ich bin kein Ernährungsfachleut, aber da scheinen mir doch schon mal wichtige Mineralstoffe, Vitamine und der ganze Kram gesichert zu sein und mangelernährt sieht er auch nicht grad aus. 
Und solange er so einen eingeschränkten Speiseplan hat, brauche ich ihn wenigstens auch nicht mit einer total hippen Bento-Box ausstatten.
(Wer noch nicht weiß, was Bento Boxen sind: bitte anschnallen und hier Bilder anschauen. DAS sind Pausenbrote! Achtung: Labile Gemüter könnten anschliessend zum Butterbrot-Harakiri ansetzen.
Allerdings benötigt man zu diesem stylischen Bentokram dringend auch das passende, stylische Kind, das das ganze Zeugs auch wirklich isst. Da waren sie wieder, meine drei Probleme. Wie soll ich aus Vollkornbrot, Salami und Gouda eine Angry Birds-Bento-Box hinkriegen?? Eben. Im übrigen würde ich wirklich, wirklich gerne mal den Inhalt der Bento-Boxen sehen, nachdem sie einen Schulweg inclusive dreimal Ranzen auf, Ranzen ab hinter sich haben. *Harharhar*)
Wo war ich? Ach ja. 
Hab ich also ein schönes Familienleben mit meinem Kind oder bringe ich miese Laune ins Haus, weil ich ständig nölend hinter ihm herrenne und gebetsmühlenartig das gute Essen preise oder, noch schlimmer, mein Lieblingsratschlag folge: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, was anderes gibt es nicht, dann gehst du ohne Essen ins Bett. Uaaahhh. Alle superschlauen Besserwisser, die diesen Mist verzapfen: Seid ihr Eltern und liebt ihr euer Kind oder möchtet ihr in Wahrheit lieber Vorsteher in einem Straflager sein, wo ihr eure sadistischen Neigungen ausleben könnt? Nordkorea wäre eine gute Reiseempfehlung für euch.
Ist doch wahr!
Ich muß mir doch nicht ständig völlig unnötigen Streit ans Bein binden, nur um das Kind zu brechen und es davon zu überzeugen, dass es gefälligst das zu essen hat, was ICH gerne mag. Blödsinn, das. Solche Kinder kriegen einen an die Waffel, weil sie ständig gezeigt bekommen, dass sie nicht in Ordnung sind, das ihre eigene Wahrnehmung falsch ist und ihre Meinung unwichtig. Da werden Selbstzweifel gesät und Kinder gedemütigt und alles nur wegen ein paar blöder Erziehungsregeln, die in vielen Fällen zurückgehen auf wirklich gruselige Zeiten. Zum Beispiel solche.
Das ständige „es wird von allem was probiert“ kommt auch aus der Straflagerecke und ist bei uns verbannt. Warum, zum Teufel, soll das Kind jedesmal wieder probieren, wenn es doch bereits gesagt hat, dass es etwas nicht mag? Soll da inzwischen vielleicht ein Wunder geschehen sein oder was? 

Natürlich braucht das Essen, genau wie das Zusammenleben, Regeln, an die wir uns alle halten sollten. Sonst funktioniert es nicht. Im Fall von Nahrung haben sich für uns folgende Regeln etabliert:
Die Mahlzeiten werden zum überwiegenden Teil gemeinsam eingenommen, und sind so ein Teil der familiären Kommunikation. Essen soll Spaß machen und nicht etwas sein, vor dem man Angst haben muss, weil es eh wieder nur Krach gibt.
Es wird nicht zwischen den Mahlzeiten hemmungslos gefuttert damit dann beim Essen nix mehr reinpasst und wir essen uns bei den Mahlzeiten satt.
Niemand wird gezwungen, etwas zu essen, was er nicht mag. (Ausnahme: mein Mann. Zucchini sind Gemüse, kein Unkraut!!!).
Die Essensplanung für die kommende Woche wird gemeinsam gemacht und jeder darf sich etwas wünschen. (Seien wir ehrlich: Der Essensplan ist nur eine ungefähre Richtlinie. Oft kommt wieder was dazwischen, sei es eine Einladung oder eine größere Gemüsespende.)
Auch für alle anderen Regeln gilt: Wir halten uns, soweit es geht, daran, aber Ausnahmen sind völlig normal und in Ordnung.
Und vor allem: wir schreiben unsere Essens- oder sonstigen Regeln NIEMALS auf ein Riesenplakat und hängen sie über den Eßtisch. Oder in den Flur. Das ist so.... Schule.
Oder Supernanny *uärkks*.
Wir sind eine Familie und keine Erziehungsanstalt.

Kommentare:

  1. Wo kann ich nochmal unterschreiben? Könnte bei uns zuhause sein. Ich habe hier vier Männer, der eine mag keine Nudeln, der andere keine Kartoffeln, ergo müsste es nur noch Reis als Beilage geben. Einer mag lieber Fleisch, ich lieber Gemüse, der nächste keine Pilze, ein anderer keine Zucchini, aber Paprika mögen auch nicht alle, geschweige denn Erbsen oder Möhren,die aber bloß nicht gekocht usw... Jeder sucht was aus, 5 Leute, 5 Tage-Woche, am Wochenende gibt's was uns grad so einfällt. Fertich. In diesem Sinne: Guten Appetit!

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  2. Genau! Das würd ich auch komplett so unterzeichnen!

    Ich hab damals auch nicht (lange) gestillt... etwas abgepumpt und dann gab's Tüten-Flaschen-Milch und die Hebamme hat da rumgenervt und jeder immer "wääähhh - wie??? nicht stillen? Muttermilch ist doch sooo supermegaoberwichtig..." bla bla bla... Mein Kind ist nun 6 Jahre und kerngesund! Die ersten 3 Lebensjahre - bis er in den Kiga gekommen ist - war er nicht einmal krank! Und ein schlaues Köpfchen ist's auch noch! Also hab ich ihn ganz sicher nicht verkorkst, nur weil's keine Muttermilch gab... ;)

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Senf dazu? Bitte sehr.